Auf zum Elbrus: Tag 8 - Gipfelsturm


Der Gipfelanstieg zum Elbrus hat seinen Tribut gefordert. Daher schreibe ich diesen Beitrag erst mit einem Tag Verzögerung. But: We did it! Wir haben den Westgipfel, den höchsten Punkt Europas erreicht! 

Rechtschreibfehler bitte ich zu verzeihen. Den Blog schreibe ich aktuell mit einem Smartphone.

Der längste Tag (28. Juli 2016) beginnt um 0.30 Uhr mit dem Wecken: Nach einem kleinen Frühstück mit Haferflocken und Tee rüsten wir auf mit – noch – leichtem Gepäck und Klettergurt. Jeder Bergsteiger trägt unterschiedliche Bekleidung. Mir reichen drei Lagen für den Oberkörper, Regenjacke, warme Unterhose, Trekkinghose, dicke Socken, Dampfsocken, Fäustlinge, Unterziehhandschuhe und eine Wollmütze. Fraglich ist meine körperliche Verfassung. In der kurzen Nacht musste ich noch mit Magenkrämpfen kämpfen und mehrfach das Plumpsklo aufsuchen.

Los geht es um 1.00 Uhr. Wir haben vier Bergführer, so können wir unsere verbliebenen elf Teilnehmer nach Ziel und Tempo sortieren. Drei Kameraden werden auf den etwas kleineren und kürzeren (5.621m, Standard-Zeit der Besteigung: 9 Stunden) Ostgipfel gehen. Ich gehe aufgrund meiner körperlichen Schwäche in Gruppe 3 zum Westgipfel des Elbrus. „Wenn schon, denn schon!“ denke ich mir. Hier beträgt die Standard-Zeit circa 16 Stunden. Ob wir die halten werden?

Ein langsamer Start zum Elbrus

Wir starten mit dem Anlegen der Steigeisen auf 3.800m über das relativ steile Eisfeld 2 km hinauf.

Schnell merke ich, wie die Kräfte schwinden. Jeden Moment will ich aufgeben und frage mich, warum ich das tue. Trotzdem setze ich einen Steigeisen-beschwerten Fuß vor den anderen. Das Ganze geht auf die Waden und Achillessehnen. Kleine Fähnchen am Wegesrand helfen, ein Ziel zu erreichen.

Die ersten zwei West-Gruppen erreichen schnell die erste Hürde, einen großen Felsen auf rund 4.500m. Ich sehe kaum noch eine Chance. Kämpfe inzwischen allein gegen die leeren Muskeln. Irgendwann habe ich dann diesen markanten Punkt erreicht und sehe die Gruppen langsamer Richtung 4.800m gehen. Das Teilstück ist noch steiler. Der vormals leichte Rucksack drückt auf die Schultern.

„Schritt für Schritt!“

Gegen 3 Uhr ist die Nacht am kältesten. Wind zieht auf. Die Temperatur sinkt mit Windchill-Faktor auf -15°. Ich spüre aufgrund der fehlenden Nahrung meine Füße und Hände nicht mehr. Der Körper versorgt erst das Wesentliche. An Trinken ist nicht mehr zu denken, der Wasserschlauch zum Camelpack ist trotz Isolierung gefroren. „Hätte ich doch eine Thermoskanne mitgenommen, ich Idiot!“ Ich muss austreten. Bei Minusgraden dauert das Herunterziehen der Hose ewig. Nach einer Ewigkeit erledige ich mein Geschäft. Mein Körper will umdrehen, mein Geist jedoch zwingt ihn weiterzugehen.

Glaube an dich

Dann! Mein Rücken wird warm, ich drehe mich um und sehe den Sonnenaufgang. Ein roter Schimmer schiebt sich über die Hügel des Kaukasus. Tränen steigen mir in die Augen. Jetzt weiß ich, ich schaffe es. Ich blicke wieder nach oben. Die Kameraden stehen schon im Sonnenschein.

Bild: Sonnenschein am Elbrus-Westgipfel - 7summits4help
Sonnenschein auf dem Weg zum Elbrus-Westgipfel

Es ist 5.00 Uhr. Wir haben rund 1.100 Höhenmeter.

Sie gehen langsamer, sie wissen durch die Bergführer, dass ich komme. Auf 4.900m erreiche ich das Team. Die Sonne wärmt uns. Wir alle spüren unsere Hände und Füße wieder.

An dieser Stelle entscheidet sich, ob es zum Ost- oder Westgipfel des Elbrus geht. Der Weg nach links ist kürzer und führt auf den 20m niedrigeren Gipfel. Wir wollen aber ganz nach oben. Auf den Westgipfel geht es über eine lange Traverse. Zur Sicherheit werden wir angeseilt, da ab und an tückische Spalten auftreten können.

Über die Traverse zum Westgipfel

Die Seilschaft setzt sich auf 4.900m in Bewegung. Bergführer voran, ich als Schwächster dahinter. Das was jetzt kommt kennen wir noch nicht, aber für uns alle ist es das härteste, was wir je getan haben. Ein steiler Anstieg über 2 Kilometer ohne Sicht auf ein Ende. Wir werden langsamer. Alle zehn Minuten bittet ein anderer um kurze Rast. Es ist wie verhext: „Wo ist der fucking Summit?“, denken wir uns.

Bild: Der Blick von der Elbrus-Traverse zum Westgipfel - 7summits4help
Der Blick von der Elbrus-Traverse zum Westgipfel

Am Horizont erhebt sich der Westgipfel. Wir gehen unser Tempo weiter. Ab und an brechen Flüche in unterschiedlichen Sprachen aus uns heraus. Nach gut 6,5 Stunden erreichen wir ein Plateau auf 5.300m, auf dem wir rasten. Hier ist der Fuß des Westgipfels.

Nach einer kurzen Stärkung mit Energieriegeln – der Körper verstoffwechselt diese nicht in der Höhe – und motivierenden Gesprächen steigen wir in die letzten 300 Höhenmeter ein. Jeder geht sein Tempo, ich bleibe bewusst hinten. Jetzt will ich nichts mehr riskieren. Der Anstieg ist steil, noch steiler als alles zuvor. Wir klettern über Felsen. Die Bergführer müssen nochmals einen Abschnitt gesondert sichern.

Der steile Weg schlängelt sich den Summit hinauf. Zehn Schritte gehen, eine Minute Pause. Meine Knie zittern. Toby und Pavel sind in meiner Gruppe. Wir pushen uns gegenseitig.

Der Weg wird zur Autobahn. Viele Touristen erreichen den Gipfel auf leichte Art über die Südseite des Elbrus. Hier helfen Schneefahrzeuge, die passende Höhe zum Gipfelsturm zu erreichen.

„Schritt für Schritt!“

Der Weg wird breiter und flacher. Zunächst. Ein letzter steiler Anstieg. „Immer an den Fähnchen lang!“

Bild: Letzte Meter beim Aufstieg zum Westgipfel des Elbrus - 7summits4help
Letzte Meter beim Aufstieg zum Westgipfel des Elbrus

Der Gipfel ist so nah. Die ersten Kameraden haben ihn erreicht. 50m vor dem Gipfel lege ich meinen Rucksack zur Seite. Ich zittere und weine. Keine Schmerzen mehr. Toby und Pavel sind weiterhin bei mir. Als Team nähern wir uns. Noch 40m. 30m. 20m. 10m.

Bild: Die letzten Schritte von Nicolas Scheidtweiler zum Elbrus-Westgipfel auf 5642 Metern
Meine letzten Schritte zum Elbrus-Westgipfel auf 5.642 Metern

„Yes, we did it!“ Nach 8,5 Stunden und 1.900 Höhenmetern haben wir den höchsten Berg Europas erreicht! Ein erhabenes Gefühl macht sich breit. Tränen stehen in unseren Augen. Jeder macht sein Foto für sich und mit der Gruppe (meine sind noch auf der Spiegelreflexkamera, die findest du bald hier oder bei Facebook). Wir dürfen nur kurz verweilen. Der Verlust der Kräfte in der Höhe ist sonst zu groß.

Ein ewiger Abstieg

Wir steigen ab. Der Kopf ist wie Watte. Nachlassende Kräfte und die zunehmende Müdigkeit sind das Risiko beim Abstieg. Regelmäßig rutsche ich weg oder knicke um. Den anderen geht es genauso. Gelegentlich sitzt einer der Kameraden auf dem Mors. Aber wir müssen diese 1.900m wieder runter. Auch die steilen Stellen. Die Euphorie ist verflogen, Knie und Schultern schmerzen wieder. Auch hier heißt es: „Schritt für Schritt!“ Bergab bin ich ein Schisser. Im nassen Schnee, manchmal verbunden mit Eis, gehe ich bewusst vorsichtig. „Nur nichts riskieren!“.

Noch 1.000m. Dichter Nebel zieht auf. Es donnert. Es schneit und regnet. Ich habe keine Lust mehr. Wut verdrängt die Freude über das Erreichte. Noch 500m. Jetzt kommen unangenehme Eisplatten.

Ständig knicke ich weg. Es nervt. Im Nebel taucht unser Lager auf. Wir erreichen die Felsen. Mit klammen Händen dauert das Ablegen der Steigeisen ewig. Noch wenige Schritte zur Hütte.

Müde und glücklich

Gegen 13.30 Uhr verkriechen wir uns in den Schlafsäcken und warten auf Mittag. Kaum einer spricht, leere, aber glückliche Blicke über das Erreichte treffen sich. Langsam macht sich Stolz breit. Auch über die Zeit unserer Gruppe. Die Top-Elbrus-Bezwinger haben nur knapp 11 Stunden benötigt.  Der Ruf zum Mittag kommt aus der Küche. Fröstelnd und langsam bewegen wir uns zu Suppe, Reis und Fleisch. Mein Magen rebelliert weiter. Ich bleibe bei Tee und Weißbrot. Wir wechseln nur wenige Worte.

Unser Ägypter Mahmoud, der schon den Aconcagua, den höchsten Berg Südamerikas (6.962m!) bestiegen hat, sagt nur: „That was the fucking hardest thing, I ever did!“

Wieder geht es in die Schlafsäcke. Diesmal fallen meine Augen direkt zu. Unruhig wälze ich mich hin und her. Körper und Geist arbeiten. Kein klarer Gedanke macht sich breit. Das Wechselspiel zwischen Erschöpfung und Glück hört nicht auf. Öffne ich die Augen, sieht man die Kameraden, die einen aus der wohligen Wärme ihrer Schlafsäcke anlächeln.

Schnell sind vier Stunden um. Nochmals geht es in die Küche. Das Abendessen bietet mir wieder nur Tee und Weißbrot. Aber mehr geht heute nicht.

Gegen 20.00 Uhr geht es in die Nacht. Endlich kommen wir zur Ruhe. Ein tiefes Schnarchen erfüllt die Hütte. Am nächsten Tag wachen wir freudestrahlend um 7.00 Uhr auf und sehen die Sonnenstrahlen zur Tür hineinfallen.

Jetzt erst sprechen wir wieder viel und laut über unsere Gefühle. Eigentlich eine merkwürdige Art bei Männern.

Wir sind einfach stolz, den Elbrus gemeinsam erklommen zu haben!

< Zu Tag 5 – 7

Live hat leider nicht immer geklappt. Über Facebook, Snapchat (Nutzername p_7summits4help), Periscope (Hier geht es zum Profil) habe ich regelmäßig Bilder und kleine Videos gepostet. Du kannst in den Profilen die kleinen Geschichten nachverfolgen.

 

 


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Die Idee eine größere Spendenaktion anzugehen, kam Nicolas Scheidtweiler, Inhaber von Scheidtweiler PR, als er in der Vergangenheit Entwicklungs- und Schwellenländer besuchte und insbesondere als Offizier in Afghanistan - einem der ärmsten Länder der Welt - eingesetzt war. Die Besteigung des Kilimanjaro und das Interesse daran aus dem Freundeskreis prägten Nicolas Scheidtweiler so sehr, dass er eine Chance in der Kombination dieser Erfahrungen sah.
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