Abenteuer

Es ist so einfach: Gletscher und Gratklettern im Stubaital


Nach meinem letzten absurden Erlebnis im Fels läuft es diesmal ganz anders. Die vier Tage mit dem Bergführer im Stubaital sind bereichernd und entspannend.

Zunächst als Vorbemerkung: Es handelt sich bei diesem Bericht im Gegensatz zu der Tour zum Barre des Écrins um einen Ausbildungskurs. Daher ist nicht jede Aufgabe 1:1 übertragbar. Aber die Regeln, die wir anwenden, gelten natürlich auch für jede andere Unternehmung in den Bergen.

Abhängen im Gletscher

Materialplanung vorab

Vier Tage dauert der Alpine Aufbaukurs „Fels und Eis im Stubaital“. Am ersten Tag geht es zunächst vom Parkplatz hoch zur Franz-Senn-Hütte. Dort wirft der Bergführer gemeinsam mit uns einen Blick auf die Ausrüstung. Es ist alles vollständig gemäß der Ausrüstungsliste. Ein Teil, das ich nicht besitze, aber verschiedene Verfahren der Rettung vereinfacht, ist das Multitraxion und die Seilkemme Tibloc. Meine bevorzugte Variante ist aber die Prusik und Standard-Karabiner. So spare ich mir Gewicht und die Gefahr, Material zu verlieren. Aber kennen muss ich die Verfahren. Daher bekomme ich es zur Leihe.

Wir starten am Nachmittag mit der Material- und Knotenkunde, Seilabbund und Grundausbildung Fels. Dazu schaut sich der Bergführer unsere Klettertechnik an. Und siehe da, mit Ruhe steige ich Routen im III. Grat im Turnschuhen vor. Das ist nicht Besonderes. Aber vor dem Hintergrund meiner Tour am Barre des Écrins beruhigt es mich, dass ich es kann.

Beim Abendessen in der Hütte stelle ich fest, dass das Team intelligent und unterhaltsam ist. Das werden kurzweilige Tage!

Beim Abendessen besprechen wir gemeinsam den morgigen Tag. Wir checken das Wetter und schauen gemeinsam auf die Karte. Dabei diskutieren wir den Zustieg. „So muss es immer sein – egal ob Kurs oder reale Tour“, denke ich.

Tag 2: Zum Gletscher

Der zweite Tag ist der Gletschertag. Nach einem entspannten Zustieg, den wir angeseilt gehen, finden wir eine wunderbare Gletscherspalte. Dort üben wir die Spaltenbergung. Dazu lassen wir jeweils den anderen Seilpartner ab und müssen ihn (oder sie) wieder rausziehen.

Als erstes arbeite ich mit meiner geübten Prusik-Variante. Toten Mann eingebuddelt, Seil entlastet, Karabiner runterlassen und dann meine Partnerin mit kräftigen Zügen hochziehen. Das war easy. Jetzt wechseln wir die Rollen. Ich hänge in der Gletscherspalte und warte. Und es passiert nicht. Zwar arbeitet Melanie mit dem Multitraxion. Aber das scheint zu schwer zu sein. Ich wiege zwar nur rund 77 kg, bin aber für die sie zu schwer. Erst mit einer weiteren Umlenkung des Seils komme ich hoch. Das war eine interessante Erfahrung. So schwer wird es, jemand anderes herauszuziehen.

Im Anschluss an diese Übung geht es hoch zum hinteren Wilder Turm. Dort üben wir kurz das Sichern im Vor- und Nachstieg auf Graten. Aber alles kein Problem. Das kenne ich gut aus vielen Touren.

Tag 3: Highlight Gratklettern

Den dritten Tag besprechen wir wieder beim Abendessen. Das Wetter wird großartig. Wir wollen den „Hüttengrad“ zur Vorderen Sommerwand (mehr Infos) gehen. Eine leichte Tour im III. Grad. Wir starten in drei 2er-Teams. Melanie ist ebenfalls sehr erfahren. Wir sollen daher als Letzte klettern.

Herrliche Sicht vom Hüttengrat zur Vorderen Sommerwand - Aufbaukurs Fels und Eis
Herrliche Sicht vom Hüttengrat zur Vorderen Sommerwand

Durch die professionelle Vorbesprechung wird es ein Vergnügen, auch lange Strecken mit nur einem Sicherungspunkt vorzusteigen. Der Bergführer ist vor der Tour auf meine unberechtigten Zweifel an mir selbst eingegangen und hat mir erklärt, dass ich das ohne Probleme schaffe. Und siehe da. Es ist herrlich. Manchmal reichen nur ein, zwei Worte, um einen Menschen zu helfen, seine Fähigkeiten zu nutzen.

Die Kletterei ist wie das übliche Mehrsseillängenklettern. Neu sind nur die vielen Köpfelschlingen. Aber das Prinzip ist logisch.

Neu sind auch die letzten Meter. Hier kommen Melanie und ich koordinativ an unsere Grenzen. Denn das „gleitende Seil“ heißt immer mindestens zwei Zwischensicherungen zu legen. Und wenn man dann den Seilpartner nicht sieht, weiß man nicht, wie viele Sicherungen da noch liegen. Zum Ende ist es eh nur noch eine entspannte Blockkletterei ohne Absturzgefahr. Lustige Nummer.

Der Kurs war auf jeden Fall das Highlight. Im August werde ich das neue Wissen mit Alex bei der Blaueisumrahmung einsetzen. Da wird es etwas schwieriger.

Tag 4: Trockenübungen

Jetzt holt uns das schlechte Wetter ein. Aber der Bergführer findet eine geschützte Ecke. Und so gehören Trockenübungen dazu: Diesmal die Selbstrettung aus einer Gletscherspalte. Ich bevorzuge immer die einfache Version mit z.B. der Gardaklemme anstatt mit Extra-Material wie der Multi Traxion. Aber kennen muss man beides.

Gegen Mittag geht es runter von der Franz-Senn-Hütte. Am Parkplatz heißt es „Ciao!“.

Nachdem ich zuletzt mit den Bergführern von Mountain Elements und Blue Mountain Spirit gute Erfahrungen gemacht habe, ist auch die Bergschule Alpine Welten zu empfehlen.

Ich wandere noch nach Neustift hinunter, nehme den Bus nach Innsbruck und von da aus geht es mit Nightjet nach Hamburg. Ein witziger Abschluss. Wer es noch nicht gemacht hat, sollte den 12-Stunden-Nachtzug mal nutzen. Ich zitiere einen Mitreisenden: „Eine Mischung aus JVA und Jugendherberge!“

Hier die Galerie der Touren:

Übung SpaltenbergungAbhängen in der GletscherspalteWeg zum Hinterer Wilder TumHerrliche Sicht vom Hüttengrat zur Vorderen SommerwandGratkletterei an der Vorderen SommerwandAuch mal steil am Hüttengrat zur Vorderen SommerwandSchöne BlockklettereiZwischen den BlöckenTrockenübung Selbstrettung Gletscherspalte

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Die Idee eine größere Spendenaktion anzugehen, kam Nicolas Scheidtweiler als er in der Vergangenheit Entwicklungs- und Schwellenländer besuchte und insbesondere als Offizier in Afghanistan - einem der ärmsten Länder der Welt - eingesetzt war. Die Besteigung des Kilimanjaro und das Interesse daran aus dem Freundeskreis prägten Nicolas Scheidtweiler so sehr, dass er eine Chance in der Kombination dieser Erfahrungen sah.

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