Aconcagua 360°, Tag 12: Gipfeltag


3:30 Uhr klingelt der Wecker. 4:00 Uhr holen wir unser heißes Wasser ab. 5:00 Uhr geht es los. Der Anstieg zum Gipfel beginnt.

Den Artikel habe ich direkt am Ende des Tages auf dem Smartphone geschrieben. Er zeigt ungefiltert persönliche Emotionen und Wahrnehmung bei der Besteigung. Etwaige Rechtschreibfehler bitte ich zu verzeihen.

Es ist arschkalt, unser Zelt und unsere Schlafsäcke gefroren. Meine Kleidung liegt mit mir im Schlafsack. So ist sie schonmal schön warm.

Das Camp Cólera gegen 4:00 Uhr am Gipfeltag
Camp Cólera gegen 4:00 Uhr

Gaaaanz langsam anziehen

Auf Anraten der Bergführer trage ich am Oberkörper fünf Lagen: Zwei Funktions-Shirts, eine Fleecejacke, meine dünne Daunenjacke und das Monster mit 800er-Dauen-Füllung. Unter der Winterhose trage ich eine Funktions-Unterhose. Die Socken haben ein Baumwoll-Synthetik-Gemisch. Sollten nicht zu feucht werden.

Für das Anziehen meiner Doppel-Schuhe benötige eine Ewigkeit. Ständige rutsche ich ab. Dann lasse ich mich zurückfallen. Atme zweimal tief durch und versuche es erneut. Mein Wunsch, das gute Wetter am heutigen 29. Dezember 2016 zu nutzen, wurde zwar erfüllt. Aber auf Kosten der Akklimatisierung. Das spüre ich jetzt. Das Anlegen der Steigeisen dauert gefühlt nochmal so lang.

Im Rucksack sind meine Protein- und Schokoriegel, eine Thermoskanne mit Tee und ein Liter Wasser. Die Spiegelreflexkamera nehme ich auch mit.

Jetzt noch Stirnlampe und die dicken Daunen-Fäustlinge anziehen. Eisaxt und Trekkingstock zur Hand nehmen. Von mir aus kann es losgehen.

Start zum Aconcagua-Gipfel

Zu acht starten wir zum Aconcagua. Auf dem Weg zum Gipfel sehen wir die flackernden Lichter der anderen Gruppen. Die Stimmung in unserem Team ist bedingt gut. Aber was muss, das muss. Uns erwartet ein sehr langer Tag. Ich versuche, durch den einen oder anderen Joke die Stimmung aufzuheitern. Klappt nicht wirklich.

Nach circa 14 Stunden werden wir erst wieder im Camp 3, Cólera, sein. Zwischendurch erwartet uns ein steiler Anstieg und Abstieg. Das haben alle vor Augen.

Aus dem Camp 3 heraus geht es zunächst in einem Zick-Zack steil nach oben. Meine Hoffnung ist, dass wir schnell eine Höhe von 6.700 m erreichen. Danach könnte es flacher weitergehen. Ich soll mich jedoch täuschen.

Die ersten Schritte zum Gipfel um 5:00 Uhr
Die ersten Schritte zum Gipfel um 5:00 Uhr

Es gibt zwei wichtige Orientierungspunkte auf dem Weg zum Aconcagua-Gipfel: Das Lager Independencia und die „Höhle“ auf circa 6.600m. Dort sind längere Stopps geplant. Zwischendurch gibt es immer wieder kürzere Pausen.

Ich schwitze schnell unter meinen fünf Lagen. In der ersten Pause ziehe ich die Jeff Green-Daunenjacke aus.

Gegen 6:00 Uhr sehen wir einen goldenen Streif am Horizont. Die Sonne! Sobald wir sie sehen, steigt unsere Motivation. Wir können unsere Stirnlampen ausschalten. Ich spüre die Wärme im Gesicht. Gänsehaut überzieht meinen Körper.

Bis zum Lager Independencia benötigen wir gut zwei Stunden. Hier nehmen wir erste Snacks und heißen Tee zu uns. Ich muss austreten. Wie schon beim Elbrus. Allerdings ist es diesmal nicht so flüssig. Ich fühle mich etwas schlapp. Die ersten zwei Stunden waren hart. Diego steigt aus. Ich hatte eigentlich auf ihn gesetzt. Aber seine Kopfschmerzen sind zu stark. Als Familienvater will er nichts riskieren und geht wieder in das Camp 3, Cólera.

Traverse und zur Höhle

Bergführer Julver erklärt uns den weiteren Weg: Nach einer langgezogenen Traverse kommt erneut ein steiles Teilstück. Ich fühle mich müde. Und bin daher froh, fast eben auf der Traverse zu gehen. Rechts von uns geht flach den Abhang runter. Zäh bewegen wir uns voran. Jetzt der steile Teil. Zehn Schritte, tief atmen.

Traverse zum Gipfel des Aconcagua 2016 - 7summits4help
Traverse zum Aconcagua

Irgendwann erreichen wir nach circa 5 Stunden die „Höhle“. Und das sind erst 6.600 m. Ich bin verwirrt. Die Dauer des Aufstiegs und meine Erschöpfung hatten anderes vermuten lassen. Jetzt haben wir eine längere Pause. Ausgelaugt sinken wir hin. Trotz meines immer noch relativ hohen Sauerstoffgehaltes im Blut und ohne Übersäuerung der Muskel wegen des intensiven Trainings, geht es auch bei mir nur langsam voran.

Vielleicht ist es die Angst vorm Versagen?

Julver gibt uns die Möglichkeit, ein paar Sachen in der Höhle zu deponieren. Ich erleichtere meinen Rucksack. Und zwar um die Spiegelreflexkamera. Allein der Gedanke, weniger tragen zu müssen, beflügelt mich. Bang blicke ich um die Ecke der Höhle. Es wird noch steiler.

Caroline entscheidet sich, in der Höhle auf uns zu warten. Schade um unsere taffe Irin. Ich hätte sie gerne oben gesehen. Aber für Überzeugungsarbeit fehlen Kraft und Zeit.

Zu sechst geht es weiter. Links um die Ecke führt uns der Weg nach oben. Und es wird steil. Mit Eisaxt und Trekkingstock geht es auf fast allen Vieren nach oben. Manchmal nutze ich nur die Frontalzacken meiner Steigeisen. So entlaste ich mich durch eine andere Bewegung.

Gemeinsam stärker

Inzwischen hat sich die zweite Gruppe von Inka-Expedition uns angeschlossen. Der Südafrikaner Ferdinand, die mexikanische Bergführerin Francesca, der Japaner Shu und der Kanadier Sahand. Jetzt tippeln wir gemeinsam hinter Julver her.

Und plötzlich: Unser Bergführer zeigt uns den Eingang zum Gipfel. Links um einen Felsen geht es hoch. Ich blicke nochmal rechts über meine Schulter. Und dort sinkt Massimo in sich zusammen. Eine Schrecksekunde. Julver eilt zu dem Italiener und hilft ihm auf die Beine. Es sieht alles gut aus.

Wir Vorderen klettern weiter. Ich bekomme zum zweiten Mal Gänsehaut an diesem Tag. Adrenalin durchschießt meinen Körper. Ich sehe die Volleyball-Feld große Fläche vor mir. Größer als erwartet. Ein paar Bergsteiger sind schon da. Jetzt habe ich wieder Kraft.

Um 13:50 Uhr betrete ich den Gipfel.

Schnell den Rucksack abgelegt. Und ich laufe auf dem Gipfel des Aconcagua herum als ob die vergangenen neun Stunden nicht stattgefunden hätten. Es erfolgen die obligatorischen Gipfelbilder.

Nicolas Scheidtweiler auf dem Gipfel des Aconcagua - 7summits4help
Nicolas auf dem Gipfel des Aconcagua

Tränen des Glücks stehen in meinen Augen. Der zweite Schritt meines Hilfsprojektes 7summits4help ist erfüllt.

Aber: Ein paar Spenden für die German Doctors könnten es noch mehr werden, liebe Leser – ganz einfach mit diesem Formular.

Wie geht es eigentlich Massimo? Er liegt erschöpft auf dem Gipfel. Julver verabreicht ihm eine Injektion und Sauerstoff. Er wankt zwar wie ein Betrunkener, scheint aber wieder in Ordnung zu sein.

Abstieg zu Camp Cólera

Wir sind relativ lange auf dem Gipfel. Circa 14:30 Uhr beginnt unser Abstieg. Jetzt heißt es aufpassen. Denn ein Summit ist nur der halbe Weg. Beim Abstieg sinkt das Adrenalin und die Müdigkeit tritt hervor. Daher passieren hier die meisten Unfälle.

Wir gehen langsam runter. Nur nicht wegrutschen. Mir geht es weiterhin sehr gut. Ich gehe fokussiert. Andere wanken, der Japaner Shu fällt und wird vom Bergführer Martín gestützt.

Sahand stürzt schwerwiegender. Wie sich später herausstellen soll, bricht er sich dabei den Knöchel.

Abstieg vom Gipfel des Aconcagua
Abstieg vom Gipfel des Aconcagua

Gereizt im Camp Cólera

Um 19:00 Uhr sind wie Ersten wieder im Camp 3 Colera. Ich habe Hunger, die Laune sinkt in den Keller. Eine gewisse Gereiztheit bricht sich Bann. Ich erwarte von den Bergführern einen Snack. Dabei übersehe ich, dass Julver noch mit Massimo unterwegs ist und Bruno genauso erschöpft aufgrund des Stresses mit uns ist. Er kocht ersteinmal Schnee für die abendliche Suppe.

Luc schläft derweil schon im Zelt. Er schnarcht tief vor sich hin. Ich hingegen komme vor Hunger nicht zur Ruhe. Auf Riegel habe ich keine Lust. Genervt warte ich auf die Suppe. Endlich um kurz nach 21:00 Uhr bekomme ich meine Portion. Und die von Luc.

Jetzt kann ich auch einschlafen. Aber nicht glücklich oder erfüllt, sondern tatsächlich gereizt und einfach übermüdet. Das Camp Cólera könnte für mich heute auch Camp Choleriker heißen.

Das Video zu Tag 12 zum Aconcagua:

< Zu Tag 11 auf dem Weg zum Aconcagua
> Zu Tag 13 auf dem Weg zum Aconcagua

Impressionen vom Gipfeltag am Aconcagua ---------------------------------------------
Camp Cólera gegen 4:00 UhrDie ersten Schritte zum Gipfel um 5:00 UhrDie Sonne geht auf!Traverse zum AconcaguaBlick vom Gipfel des Aconcagua über die AndenNicolas auf dem Gipfel des AconcaguaUnser Inka-Team auf dem GipfelBlick vom Gipfel ins TalAbstieg vom Gipfel des AconcaguaErschöpft im Zelt nach dem GipfeltagDer Sonnenuntergang am Ende eines langen Gipfeltages

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Die Idee eine größere Spendenaktion anzugehen, kam Nicolas Scheidtweiler als er in der Vergangenheit Entwicklungs- und Schwellenländer besuchte und insbesondere als Offizier in Afghanistan - einem der ärmsten Länder der Welt - eingesetzt war. Die Besteigung des Kilimanjaro und das Interesse daran aus dem Freundeskreis prägten Nicolas Scheidtweiler so sehr, dass er eine Chance in der Kombination dieser Erfahrungen sah.
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